00:11
Willkommen bei Mordlust, einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Mein Name ist Paulina Kraser. In jeder Folge hört ihr einen Kriminalfall aus Deutschland. Dabei schauen wir auch auf juristische, psychologische und gesellschaftliche Aspekte und sprechen mit Menschen mit Expertise, Beteiligten oder Betroffenen.
00:31
Und True Crime heißt eben auch, dass hinter jedem Fall echte Menschen und ihre Schicksale stehen. Das solltet ihr beim Hören nicht vergessen. Wir berücksichtigen das auch bei unserer Arbeit. Wenn ihr merkt, dass euch bestimmte Themen nicht gut tun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge. Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch aber auch mal etwas Luft brauchen, sind hier auch manchmal kleine Abschweifungen erlaubt. Das ist aber natürlich nicht despektierlich gemeint.
00:56
Ja, diesen Part, mit dem dann passt bitte auf euch auf, das bitte heute nicht überhören. Da muss ich heute einmal extra drauf hinweisen, denn diese Folge ist nicht so leicht zu verdauen und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes.
01:12
Eine Kollegin von uns hat es auch abgelehnt, diesen Fall zu betreuen. Dem sind wir natürlich auch nachgekommen. Und das ist an der Stelle kein Teasing, sondern wirklich ein gut gemeinter Ratschlag. Mehr zu den Inhalten findet ihr wie immer in der Folgenbeschreibung. In der Geschichte, von der ich gleich erzähle, ist nicht nur die Tat an sich abschaulich, sondern auch das, was danach passiert. Einige Namen haben wir geändert.
01:35
Es ist der Abend des 9. Januar 2002, als Cleo eingemummelt in einer Decke auf der Couch in ihrem Wohnzimmer liegt. Den Kopf hat die 22-Jährige auf ein Kissen gebettet. Ihre langen schwarzen Haare breiten sich darauf aus und umrahmen ihr schmales, feines Gesicht. Ihre Augen sind auf den Fernseher vor ihr gerichtet. Cleo hat Mühe, dem Programm noch richtig zu folgen. Sie ist müde und die wohlige Wärme ihrer Decke verstärkt dieses Gefühl.
02:03
Nur noch ein paar Minuten, dann will sie aufstehen und schlafen gehen. Und das, obwohl es gerade einmal 22 Uhr ist. Normalerweise gehört Cleo zu den Menschen, die deutlich länger aufbleiben. Doch an diesem Mittwoch kommt ihr diese frühe Müdigkeit sehr gelegen, denn Cleo muss morgen fit sein. Ihr steht ein wichtiger Tag bevor. Morgen früh wird sie sich mit einer Freundin treffen, die sie zum Arbeitsamt begleiten wird.
02:28
Cleo möchte sich dort beraten lassen und sich über Jobangebote informieren. Schließlich ist es an der Zeit, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Die vergangenen Monate waren für die 22-Jährige nicht einfach. Im Sommer ging ihre Beziehung zu Bruch, woraufhin ihr Ex-Freund von ihr verlangte, zügig aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen.
02:49
Und kurz darauf verlor sie auch noch ihren Job in einem Altenheim. Seitdem ist das Arbeitslosengeld ihre einzige Einnahmequelle. Hin und wieder wird sie von ihrer Mutter unterstützt. Doch insgesamt steht Cleo, die nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Mischlingshund versorgen muss, finanziell auf wackeligen Beinen. Die Dachgeschosswohnung, in der sie seit ihrer Trennung lebt, gehört ihrer Oma. Und Cleo kann sie sich nur leisten, weil sie hier nicht alleine wohnt. Vor etwa vier Monaten ist Cleo mit Marek zusammengezogen, der ebenfalls arbeitslos und knapp bei Kasse ist.
03:22
Marek ist der Neffe von Cleos Stiefvater, den ihre Mutter heiratete, als Cleo zwei Jahre alt war. Marek ist also quasi sowas wie Cleos Stiefcousin, wir sagen jetzt aber Cousin. Die beiden sind jedenfalls nicht blutsverwandt.
03:37
Mittlerweile ist Cleos Mutter zwar wieder geschieden, aber weil Cleo und Marek gleich alt und miteinander aufgewachsen sind, betrachten sie sich immer noch als Familie. Das Zusammenleben in der WG funktioniert für Cleo und Marek gut. Hin und wieder ärgert sich Cleo über die Unordentlichkeit ihres Cousins und darüber, dass er es mit der Miete oft nicht so genau nimmt.
03:57
Ansonsten machen beide im Alltag ihr eigenes Ding. So auch am heutigen Januarabend, an dem Marek mit Freunden unterwegs ist und Cleo es sich allein auf der Couch gemütlich gemacht hat. Während der Bildschirm des klobigen Röhrenfernsehers das Wohnzimmer in aufgeregtes Flackern taucht, fallen Cleo immer wieder die Augen zu. Schließlich nickt sie ein. Ein paar Stunden später, um 1.23 Uhr, wacht sie wieder auf, greift noch einmal zum Handy und tippt eine SMS an einen Bekannten. Sie werde nun endgültig schlafen gehen, schreibt sie und wünscht ihm eine gute Nacht.
04:32
Was Cleo nicht ahnt, als sie diese Zeilen verschickt, ihr selbst steht keine gute Nacht bevor. Und sie wird auch ihre Pläne morgen nicht umsetzen. Stattdessen wird der neue Tag bereits in wenigen Stunden eine furchtbare Wendung nehmen.
04:51
Paulina, du warst ja gerade in Italien und es sah so schön aus, was ich gesehen habe.
04:58
Ja, ich fahre ja jedes Jahr mit Freundinnen nach Italien. Ich liebe das Essen. Ich liebe die Landschaft. Ich finde es einfach so, so toll da. Vor allem, weil man da auch so viele kleine Miethäuschen irgendwo so abgeschieden finden kann. Also wo man einfach weit und breit keine Leute hat. Das hatten wir ja auch mal zusammen. Ja, ja, genau. Ja.
05:19
Das Einzige, was den Spaß für mich manchmal so ein bisschen begrenzt, ist, dass das auch da teilweise mit dem Empfang so ein bisschen schwer ist.
05:27
Ja, also manchmal kann einem das ja ganz gelegen kommen, dass man dann mal nicht erreichbar ist. Aber freiwillig offline sein ist ja das eine. Aber wenn man plötzlich gar keinen Empfang mehr hat und nichts funktioniert, ist das ja was ganz anderes. Ja, ist auch irgendwie ein bisschen gruselig, je nachdem, wo man halt ist. Total.
05:46
Ja.
05:47
Und unser heutiger Werbepartner Simon Mobile ist ja genau der richtige Ansprechpartner dafür. Da gibt es auch gerade den Hot Deal Summer und das heißt dauerhaft mehr Datenvolumen zum günstigen Preis. Zum Beispiel 70 GB ab nur 9,99 Euro im Monat und für gerade einmal 2 Euro mehr gibt es sogar 100 GB ab nur 11,99 Euro monatlich.
06:10
Und das nur auf simonmobile.de.
06:12
Das Ganze mit Top-D-Netz-Qualität inklusive 5G und All-Net-Flat. Außerdem bleibt man bei Simon Mobile wie immer flexibel, weil der Vertrag monatlich kündbar ist.
06:22
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06:44
Alle Infos findet ihr auf simon.link slash mordlust und wie immer auch nochmal in der Folgenbeschreibung.
06:57
Fünf Tage nach dem Abend, den Cleo allein vor dem Fernseher verbracht hat, öffnet sich auf einer Polizeiwache nahe Koblenz die Eingangstür. Eine Frau mittleren Alters tritt herein. Besorgt wendet sie sich an einen der Beamten. Ihre Tochter sei verschwunden. Ihre Tochter Cleo. Nervös berichtet die Frau, dass sie vorgestern vom Neffen ihres Ex-Mannes kontaktiert worden sei, der mit ihrer Tochter in einer WG lebt. Er habe ihr gesagt, dass Cleo seit Tagen nicht mehr zu Hause gewesen sei.
07:28
Für den Polizisten klingt das erstmal nicht nach einem Grund zur Sorge. Schließlich handelt es sich hier um eine erwachsene Frau, die niemandem darüber Auskunft geben muss, wohin sie geht.
07:39
Doch Kleos Mutter ist überzeugt, irgendetwas stimmt hier nicht. Im Gespräch mit dem Beamten schildert sie, dass Marek, der Mitbewohner ihrer Tochter, sie darum gebeten habe, Kleos Hund zu sich zu nehmen, den die 22-Jährige in der Wohnung zurückgelassen habe.
07:55
Ein Verhalten, das ganz und gar nicht ihrer Tochter entspreche. Sie liebe ihren Hund. Nie im Leben wäre sie ohne ihn für mehrere Tage irgendwo hingegangen, beteuert die Mutter. Außerdem habe Marek ihr erzählt, dass Cleo schwanger sei. Davon wisse sie aber überhaupt nichts. Warum sollte ihre Tochter ausgerechnet jetzt schwanger und ohne ein Wort zu sagen von zu Hause abgehauen sein?
08:20
Überhaupt versuche sie seither immer wieder, ihre Tochter telefonisch zu erreichen. Doch deren Handy sei tot.
08:27
Nach den besorgten Schilderungen von Cleos Mutter beschließt die Polizei, sich der Sache anzunehmen. Noch am selben Nachmittag bringen zwei Beamte ihren Streifenwagen vor einem sterilen weißen Mehrparteienhaus in einem kleinen rheinländischen Ort zum Stehen. Es ist die Wohnanschrift von Cleo. Für die Polizei ist der Besuch ihres Zuhauses eine Routinemaßnahme und zugleich hoffen die Beamten hier womöglich Antworten auf die Frage nach ihrem Verbleib zu erhalten.
08:55
Kurze Zeit später finden sie sich in Cleos Dachgeschosswohnung wieder, in der das Chaos zu regieren scheint. Überall liegen Dinge herum. Die beiden Polizisten blicken auf Müll, der es offensichtlich nicht in den Abfalleimer geschafft hat. Außerdem auf Kleidung, die Boden- und Möbelstücke bedeckt.
09:13
Inmitten dieser Unordnung stehen sie einem jungen Mann mit kurzen braunen Haaren und schlanker Statur gegenüber. Es ist Marek Hinze, Kleos Cousin und Mitbewohner. Mehrere Muttermale auf seiner rechten Wange bilden einen Kontrast zu seinem blassen Teint. Zudem hat er ein Glasauge, das seinem Blick eine leichte Asymmetrie verleiht. Die Polizisten erklären dem 22-Jährigen, dass Kleos Mutter ihre Tochter als vermisst gemeldet hat und es nun darum gehe, herauszufinden, wo sie ist. Sie setzen große Hoffnung in das Gespräch mit Marek.
09:46
Womöglich fällt ihm etwas ein, was für die Suche nach Cleo hilfreich sein könnte. Eine Veränderung, die er an ihr beobachtet hat, ein ungewöhnliches Verhalten oder auch nur eine beiläufige Bemerkung, die ihm in Erinnerung geblieben ist.
10:00
Doch die Unterhaltung mit ihm entpuppt sich als ernüchternd. Der 22-Jährige macht nicht den Eindruck, als würde er sich großartig für das Verschwinden seiner Cousine interessieren. Nur oberflächlich beantwortet er die Fragen der Polizisten. Außerdem wirkt er fahrig und unkonzentriert, fast schon ein wenig desorientiert.
10:20
Schon nach einigen Minuten wird klar, dass sie mit Marek nicht weiterkommen und so verlassen sie die Wohnung bereits kurze Zeit später wieder. Unwissend, dass sie der Antwort auf Kleos Verbleib bei ihrem Besuch wortwörtlich schon ganz nahe gekommen waren.
10:36
Wo steckt Cleo? Diese Frage beschäftigt ihr Umfeld auch in den kommenden Tagen. Noch immer gibt es kein Lebenszeichen von ihr. Weder einen Anruf noch eine Textnachricht. Kleos Angehörige und Freundinnen machen sich große Sorgen. Ist Cleo etwas zugestoßen oder ist sie freiwillig weggegangen? Wenn ja, könnte das etwas mit der Schwangerschaft zu tun haben, von der anscheinend nur ihr Cousin und Mitbewohner Marek etwas weiß. Cleo hatte mit sonst niemandem darüber gesprochen, dass sie sich aktuell vorstellen könnte, Mutter zu werden.
11:08
Seit ihrer Trennung hatte sie außerdem keine neue Beziehung. Ist sie womöglich zu dem Erzeuger des Kindes gefahren, um mit ihm über die Schwangerschaft zu sprechen? Doch selbst wenn, warum lässt sie dann ihren Hund zurück und meldet sich tagelang bei niemandem?
11:23
Fragen über Fragen, die vor allem Cleos Mutter umtreiben. Um Cleo zu finden und der eigenen Ohnmacht etwas entgegenzusetzen, beginnt ihr Umfeld vermissten Plakate anzufertigen. Spurlos verschwunden steht ganz oben in fett gedruckten Buchstaben, darunter zwei Schwarz-Weiß-Bilder von Cleo. Auf einem davon blickt sie schüchtern in die Kamera, die langen schwarzen Haare zu einem dichten Zopf zusammengebunden. Das andere Motiv ist ein Porträtfoto, auf dem sie lächelnd zur Seite schaut.
11:54
Cleos Angehörige hoffen inständig, dass sie dieses Lächeln wiedersehen werden. Dass die 22-Jährige schon bald wieder ihre Wohnungstür aufschließen und eine logische Erklärung für ihre Abwesenheit präsentieren wird.
12:08
Kleos Umfeld ist einem emotionalen Ausnahmezustand ausgesetzt. Bis der Fall am 17. Januar 2002, drei Tage nach der Vermisstenmeldung, eine unerwartete Wendung nimmt. Für Kriminalhauptkommissar Jürgen Jonen ist es ein gewöhnlicher Donnerstag, als er in den Räumlichkeiten der Kriminaldirektion Koblenz vor seinem Schreibtisch sitzt. Vor wenigen Stunden hat er die Unterlagen zum Vermisstenfall von Kleo erhalten.
12:34
Bisher hatte die örtliche Kriminalpolizei in dem Fall ermittelt. Nun sollen Jürgen Jonen und seine KollegInnen vom K11 für Kapitaldelikte übernehmen. Und das aus gutem Grund.
12:46
Mittlerweile gilt es als wahrscheinlich, dass Cleo nicht einfach abgehauen, sondern ihr etwas zugestoßen ist. Gemeinsam mit Cleos Mutter haben PolizistInnen kürzlich noch einmal gründlich ihr Zimmer unter die Lupe genommen und festgestellt, dass abgesehen von ihrem Schlafanzug keine Kleidungsstücke fehlen. Nicht einmal Jacke oder Schuhe. Wer würde an diesen kalten Januartagen nur im Schlafanzug vor die Tür gehen, geschweige denn mehrere Tage unterwegs sein?« Nein, irgendetwas muss passiert sein.
13:16
Vermutlich sogar in Kleos Wohnung. Jürgen Jonen ist gerade dabei, sich in die Unterlagen einzulesen, als das Telefon klingelt. Der Ermittler nimmt ab und erhält nun eine überraschende Mitteilung, hat er uns im Interview erzählt.
13:30
Ein Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft Koblenz hat bei uns angerufen und hat gesagt, hier ist jemand, der möchte zu der Vermisstensache, die bei Ihnen jetzt vorliegt, eine Aussage machen. Der ist mit seinem Rechtsanwalt hier, mit drei seiner Freunde und der möchte schildern, was mit seiner Cousine passiert ist.
13:52
Das heißt, Marek sitzt gerade bei der Staatsanwaltschaft. Dort hat der 22-Jährige bereits erste Angaben gemacht und die sollen ziemlich dubios sein, erfährt Jürgen Jonen. Wenig später sitzt der Ermittler dem 22-Jährigen gemeinsam mit zwei weiteren Beamten in einem polizeilichen Vernehmungszimmer gegenüber.
14:12
Er habe der Polizei etwas verheimlicht, sagt Marek. Etwas, das er erst gestern seinen drei Freunden anvertraut habe. Die hätten ihm daraufhin empfohlen, einen Anwalt zu kontaktieren und ihn anschließend zur Staatsanwaltschaft und zur Polizei begleitet.
14:29
Dann rückt Marek mit der brisanten Information raus. Cleo ist tot, sagt er. Das wisse er, weil er derjenige sei, der sie gefunden habe. Oder besser gesagt, das, was noch von ihr übrig geblieben sei. Marek erzählt, dass er den Abend des 9. Januar mit seinen drei Kumpels verbracht habe. Gemeinsam hätten sie in der Wohnung einer der Freunde Konsole gespielt und Gras geraucht. Er habe auch ein paar Mischbiere getrunken.
14:57
Gegen zwei Uhr morgens sei er schließlich wieder zu Hause gewesen und direkt ins Bett gegangen. Soweit sind Mareks Schilderungen erst einmal unspektakulär. Doch was er nun über den nächsten Tag berichtet, erinnert an Szenen eines Horrorfilms. Kriminalhauptkommissar Jürgen Jonen erinnert sich noch sehr gut an die Aussage.
15:18
Ja, er hat eingegeben, dass er aufgewacht sei gegen Mittag.
15:21
Er hätte dann einen Kopf geraucht, damit hatte er gemeint, haschig, ist dann aufgestanden, aus seinem Zimmer gegangen. Gegenüber war das Badezimmer, die Tür stand offen und hat dann dort eine rötliche Flüssigkeit in der Badewanne gesehen.
15:39
Marek schildert, dass er das Badezimmer dann betreten habe. Etwa 30 Zentimeter habe die besagte rote Flüssigkeit in der Badewanne hochgestanden. Ihm sei klar gewesen, dass es sich um Gemisch aus Blut und Wasser handeln muss. Für reines Blut, sagt er, sei das Wasser nämlich zu klar gewesen. Ermittler Jürgen Jonen fragt Marek, was er sich bei dieser Entdeckung gedacht habe. »Was ist denn hier passiert?« lautet seine Antwort. »Ihr Etwas Zitat Schlimmes habe er zunächst nicht im Sinn gehabt.
16:11
Marek erzählt weiter, dass er nach dieser Entdeckung ins Wohnzimmer gegangen sei. Dort habe er Kleos Hund vorgefunden und aus der angrenzenden Küche ein Geräusch gehört.
16:21
Als er hineingegangen sei, habe es wie gegrillt gerochen. Marek habe festgestellt, dass der eingeschaltete Backofen das besagte Geräusch erzeugt habe. Weil er von außen nicht habe sehen können, was sich im Inneren befinde, habe er die Tür geöffnet. Dabei sei, Zitat, die ganze Sitsche herausgelaufen. Im Ofen, sagt Marek, hätten sich mehrere Körperteile befunden. Füße, Hände, zerteilte Arme und Beine, aber auch ein Brustkorb, an dem sich kaum noch Haut befunden habe.
16:56
Die Gliedmaßen seien, Zitat, am Köcheln gewesen, sagt er. Es sind furchtbare Details, die der 22-Jährige den Beamten schildert. Doch verängstigt oder verstört wirkt er auf die Männer nicht. Auch deshalb ist Jürgen Jonen Mareks Verhalten so im Gedächtnis geblieben.
17:16
Der hat das völlig nüchtern erzählt.
17:18
Also so wie wir uns jetzt unterhalten, wenn ich mit meiner Frau eine Taste Kaffee trinke und unterhalte es am Morgen, genau so hat er das geschildert. Also völlig emotionslos.
17:30
Hinzu kommt, meint Jürgen Jonen, dass sich Marek auch von der Vernehmungssituation als solcher total unbeeindruckt gezeigt habe.
17:38
Vom ersten Eindruck her war das ein junger Mann, der relativ offen mit uns agierte, aber schon so ein, ja, ich hatte so das Gefühl, dass er so ein bisschen arrogant auch gewesen ist, also sich überlegen fühlte.
17:57
Jürgen Jonen und seine Kollegen möchten von Marek wissen, ob er gewusst habe, dass es sich bei den Leichenteilen im Ofen um Überreste von Cleo handelte. Das verneint er. Natürlich habe er es vermutet, sagt er. Gewissheit habe er jedoch erst erhalten, als er zurück ins Bad gekehrt sei. Er habe seine rechte Hand in das Gemisch aus Blut und Wasser in der Badewanne getaucht und sie hin und her bewegt.
18:23
Dabei habe er einen Widerstand gespürt und mit beiden Händen zugegriffen. Es sei Kleos Kopf gewesen, den er daraufhin aus der Wanne gezogen habe.
18:34
Nach diesem Fund habe er sich in sein Zimmer zurückgezogen und zur Wasserpfeife gegriffen, um zu rauchen. Er habe darüber nachgedacht, was wohl mit seiner Cousine geschehen sei und wie er von all dem nichts habe mitbekommen können. Schließlich habe er ja nebenan geschlafen. Zugleich sei er erleichtert gewesen, sagt er, dass der oder die Täter in ihn offensichtlich verschont hätten.
18:58
Mareks Schilderungen sind so grausam, dass sie selbst für die erfahrenen Kriminalbeamten kaum zu fassen sind. Doch mit jedem weiteren Satz, den er von sich gibt, wächst nicht nur die Fassungslosigkeit, sondern auch ihr Misstrauen. Jürgen Jonen sagt, dass ihnen damals schnell klar war, dass Mareks Geschichte nicht stimmen kann.
19:19
Also wer dringt dann in einer Wohnung ein, da liegt im Nebenzimmer jemand, tötet jemand, zerstückelt denjenigen, steckt ihn in den Backofen und in die Badewanne und haut dann ab. Also das war so weniger vorstellbar, überhaupt nicht vorstellbar eigentlich.
19:36
Obwohl die Erzählung für die Beamten wie ein realitätsfernes Schauermärchen klingt, lassen sie Marek erstmal weitererzählen. Er berichtet, dass es nach dem Fund von Kleos Kopf für ihn keine Option gewesen sei, die Polizei zu rufen. Zu groß sei das Risiko gewesen, dass man ihm die Tötung seiner Cousine anhängen werde, so formuliert er es. Er habe sich stattdessen entschieden, die Leichenteile einzusammeln und zu verstecken. Und zwar an einem Ort, den die Polizei schon kennt.
20:06
Wenig später ist der Eingang zum weißen Mehrparteienhaus von einem polizeilichen Absperrband umgeben. Immer wieder verschwinden PolizistInnen durch die Tür zur Dachgeschosswohnung. Die Spurensicherung durchsucht jeden Winkel, doch Kleos Überreste sind in dem chaotischen Drei-Zimmer-Apartment nicht so schnell gefunden wie erwartet. Deshalb bittet Jürgen Jonen Marek, ihn persönlich zu den versteckten Leichenteilen zu führen. Der Ermittler hat uns erzählt, wie das ablief.
20:34
Und dann stand schon der Kollege von der Spurensicherung da und sagt, ja, wir haben ja keine Leichen. Und dann geht er in sein Zimmer und sagt, ja, die Leichenteile, die sind doch in meinem Schrank.
20:46
Kurz darauf tritt Marek vor seinen großen Kleiderschrank aus Eichenholz und zieht unter dem massiven Möbelstück mehrere gefüllte Tüten hervor. Nach und nach nehmen die Kriminalbeamtinnen den grausamen Inhalt unter die Lupe. Schockiert blicken sie auf zerlegte Arme und Beine, auf einen Brustkorb, dessen Rippen freiliegen, sowie auf ein undefinierbares Weichgewebestück.
21:11
Das Öffnen der Tüten bringt nun endgültig die bittere Erkenntnis, dass die Suche nach Cleo abgeschlossen ist. Es gab nie eine Chance, dass ihre Angehörigen sie wieder in ihre Arme schließen können. All die Tage lag ihr toter, zerstückelter Körper hier in der gemeinsamen Wohnung von Cleo und Marek, unter dem Kleiderschrank eingewickelt in zahlreiche Plastik- und Kunststoffbeutel.
21:35
Marik hatte die Überreste nahezu luftdicht verpackt, weshalb den beiden Polizeibeamten, die nach der Vermisstenanzeige in der Wohnung waren, auch kein unangenehmer Geruch aufgefallen war. In Anwesenheit des 22-Jährigen sichern die Einsatzkräfte nach und nach die Leichenteile seiner Cousine.
21:54
Man sollte ja jetzt meinen, dass ein solcher Anblick einen zutiefst erschüttert. Erst recht jemanden, der ihr nahe stand, sie schon von klein auf kannte und sogar mit ihr zusammen lebte. Doch Marek steht inmitten der Tatortarbeiten einfach nur da und wirkt von all dem völlig unbeeindruckt. Eine Gefühlsregung sehen die BeamtInnen bei ihm erst, als Marek sie gegen Abend zu einem stillgelegten Steinbruch führt, keine 5G-Minuten von der Dachgeschosswohnung entfernt.
22:26
Hier hat Marek laut eigener Aussage weitere Überreste von Cleo verscharrt. Jürgen Jonen sagt, dass Marek bei der Begehung regelrecht aufgekratzt war.
22:37
Wir haben auf einer Straße auf einem unbefestigten Gelände angehalten, von da ging es einen relativ steilen Weg in diesen Steinbruch hinunter und der war fast euphorisch, uns zeigen zu können, wo die Leichenteile sind. Ja, nach dem Motto, die dumme Polizei hat die Leichenteile nicht gefunden und ich zeige denen jetzt mal, wo die jetzt so sind.
22:59
In einem Förderschacht, das ist quasi so ein Verbindungsglied zwischen Erdoberfläche und Untergrund, bergen Einsatzkräfte schließlich weitere Überreste von Cleo. Darunter ein Beckenknochen und ihren Kopf. Die langen schwarzen Haare, auf die Cleo einst so stolz war, sind abgeschnitten.
23:18
Außerdem wurde ihre Schädeldecke eingeschlagen. Weil es um den Bereich der Verletzungen keine Einblutungen gibt, ist den Beamten schnell klar, dass dies post mortem, also nach ihrem Tod geschehen sein muss. Marek hat dafür eine bizarre Erklärung. Er selbst habe hier im Steinbruch aus Wut auf den abgetrennten Schädel eingeschlagen.
23:38
Für einen kurzen Moment habe er seine Cousine dafür gehasst, dass sie ihn mit ihrem Tod in eine solche Lage gebracht hat. Ermittler Jürgen Jonen glaubt ihm auch diese Aussage nicht. Er ordnet diesen kurzen Gewaltausbruch, von dem Marek erzählt hat, anders ein.
23:57
Im Nachhinein habe ich mir das damit erklärt, dass er zu diesem Zeitpunkt sehr stark unter Stress gestanden hat, dass das so eine Übersprungshandlung war. Er hat diese Teile ja erst einige Tage, nachdem er sie angeblich aufgefunden hat, in den Steilbruch gebracht und bis dahin hat er eine Phase durchgemacht, die für ihn äußerst stressig gewesen ist. Die Mutter des Mädchens hat fast jeden Tag nach ihrer Tochter gefragt.
24:28
Die Oma war in der Wohnung und hat nachgesehen und hat ebenfalls gesagt, nach ihrer Enkelin gefragt. Die Freunde haben nach ihr gefragt und die Polizei war auch einige Male da. Das muss ihn so unter Stress gesetzt haben, dass er letztendlich im Steinbruch voller Wut und Hass auf den Kopf eingeschlagen hat. Eine andere Erklärung habe ich eigentlich nicht dafür.
24:53
Der Kriminalhauptkommissar glaubt damals, dass dieser Druck letztlich auch dazu führte, dass Marek sich seinen Freunden anvertraute und schließlich mit ihnen zur Polizei ging. Ich war darüber nämlich erst ein bisschen irritiert, weil die Polizei ja schon mehrfach in der Wohnung gewesen ist, ohne die Leichenteile zu entdecken. Und er hat die ja jetzt quasi direkt auf die Spur gebracht, ja.
25:16
Jonen sagt aber, viel Zeit hätte Marek jetzt nicht mehr gehabt, denn als er den Fall übernommen hat, da ist man ja mittlerweile auch schon von einem Tötungsdelikt ausgegangen und eben auch davon, dass Cleo die Wohnung nie verlassen hätte und deswegen wäre die früher oder später auch komplett durchsucht worden und spätestens Leichenspürhunde hätten dann auch angeschlagen. Aber ich meine, das muss man dazu sagen, er hat ihnen jetzt hier Beweismittel ja direkt in die Hände gegeben, was er eigentlich ja gar nicht hätte tun müssen.
25:43
Vielleicht ahnt Marek nach dem Einsatz am Steinbruch bereits, dass die Schlinge um seinen Hals immer enger wird. Auf der Rückfahrt erklärt er Jürgen Jonen, er habe einzelne Überreste zum Steinbruch gebracht, weil er gehofft habe, die Polizei würde sie dort finden und anschließend ermitteln, wer für den Tod seiner Cousine verantwortlich sei.
26:04
Die Ermittlenden meinen, das mittlerweile herausgefunden zu haben. Niemand, der mit der Tat selbst nichts zu tun hat, würde sich ihrer Ansicht nach die Mühe machen, Leichenteile verschwinden zu lassen. Noch an diesem Abend nehmen die Beamtinnen Marek fest. Er selbst muss Cleo getötet und sie auf brutale Weise in diverse Einzelteile zerlegt haben. Wenngleich die Gründe dafür noch vollkommen unklar sind.
26:30
Im Herbst 2003, mehr als anderthalb Jahre nach der Verhaftung, beginnt vor dem Landgericht Koblenz der aufsehenerregende Prozess gegen Marek Hinze. Nach seiner Aussage bei der Polizei und der Sicherung von Kleos Leichenteilen ist die Staatsanwaltschaft davon überzeugt, dass der mittlerweile 23-Jährige seine Cousine tötete und zerstückelte.
26:51
Mord und Störung der Totenruhe lauten daher die schwerwiegenden Vorwürfe, die ihm seinen Platz auf der Anklagebank zuweisen. Cleos Mutter tritt im Prozess die Nebenklage an. Es ist das Letzte, das sie noch für ihre Tochter tun kann. Und zugleich muss sie nun der Tatsache ins Auge blicken, dass ausgerechnet ein Mitglied der Familie Cleo aus dem Leben gerissen haben soll. Nur warum? Wieso sollte Marek seine Cousine getötet haben und wie sahen ihre letzten Minuten aus? Es sind Fragen, auf die die Kammer Antworten finden will.
27:24
Marek, so viel steht bereits zu Prozessbeginn fest, wird dazu nichts beitragen. Seit seiner Verhaftung hat er sich zu den Geschehnissen im Januar 2002 nicht mehr geäußert.
27:35
Und doch wird sein Schweigen nicht verhindern, dass in den kommenden Verhandlungstagen schockierende Dinge über ihn ans Licht kommen. Dass Marek die Taten, die ihm vorgeworfen werden, wirklich begangen hat, daran zweifelt im Gerichtssaal kaum jemand. Seine Geschichte von dem erschreckenden Fund im Backofen und in der Badewanne erscheint schlichtweg unlogisch und realitätsfern. Dafür hätte zunächst jemand in die Wohnung einbrechen müssen, sagt Jürgen Jonen. Gleich mehrere Ermittlungserkenntnisse würden aber dagegen sprechen.
28:07
Zum einen gab es keine Aufbruchspuren, also in die Wohnung ist nicht eingetroffen worden. Einen Schlüssel hatten nur er, die Cousine. Und die Vermieterin, seine Oma, sonst hatte niemand einen Schlüssel. Das hätte bedeutet, irgendwie hätte der in die Wohnung reinkommen müssen. Wir haben das probiert und wir haben geguckt, hätte der vielleicht übers Dach in die Wohnung reinkommen müssen. Das wäre so ein Aufwand gewesen, das wäre mit Sicherheit aufgefallen.
28:31
Und auch die Zeit spricht gegen Mareks Schilderung. Von Kleos Handy wurde in der Tatnacht noch um 1.23 Uhr eine SMS an einen Bekannten verschickt. In der Nachricht stand, ich glaube, ich werde gleich echt weiter schlafen, FG. Für diejenigen, die noch nicht so alt sind, um damals bei Knuddles noch aktiv gewesen zu sein, das bedeutet sowas wie Frechgrins.
28:53
Das hat man früher oft benutzt, um keck zu wirken.
28:56
Oh mein Gott, wie höre ich mich an.
28:58
Jedenfalls Wortlaut und Schreibstil sprechen dafür, dass Cleo die Nachricht selbst verfasst hat und demnach zu diesem Zeitpunkt noch gelebt hat. Sie kann also erst nach 1.23 Uhr getötet worden sein. Marek kam laut eigener Aussage um 2 Uhr zurück in die Wohnung. Das schilderten auch seine Freunde, mit denen er den Abend verbracht hatte.
29:19
Wäre Cleo umgebracht worden, bevor Marek zurückkehrte, dann hätte das also innerhalb von 37 Minuten geschehen müssen. Viel zu wenig Zeit für eine solche Tat inklusive Leichenzerteilung. Außerdem hätte Marek dann den angeschalteten Ofen bemerken müssen, sowie das Blutbad im Badezimmer. Die Tür, das hatte er ja selber bei der Polizei ausgesagt, stand ja offen. »Dass die Tat durch einen Fremden nach Mareks Rückkehr geschehen ist, wurde im Zuge der Ermittlungen aber auch widerlegt.
29:49
Nicht nur, weil es schlichtweg unvorstellbar ist, dass er seelenruhig schläft, während seine Mitbewohnerin nebenan so zugerichtet wird, sondern auch, weil die Leichenteile, die er im Ofen entdeckt haben will, gar nicht geköchelt haben.« Untersuchungen haben ergeben, dass die Körperteile lediglich ein paar Minuten trockener Hitze ausgesetzt waren. Also bedeutet, sie können nicht Stunden zuvor von einem Fremden in den Ofen verfrachtet worden sein. Um Mareks Version und die Untersuchungsergebnisse in Einklang zu bringen, hätte eine andere Person die Leichenteile also unmittelbar vor seinem Aufwachen gegen Mittag in den Ofen stecken müssen.
30:29
Ein Timing, das kaum nachvollziehbar erscheint.
30:33
Ermittler Jürgen Jonen weist in seiner Aussage vor Gericht zudem auf ein blutiges Teppichmesser als Indiz. Die Polizei hatte es in einer Tüte mit den Leichenteilen sichergestellt. Marek hatte gegenüber den BeamtInnen angegeben, es in der blutigen Badewanne gefunden zu haben. Bei dem Versuch, es rauszuholen, habe er sich dann am Daumen geschnitten.
30:54
Eine Untersuchung der Wunde hat jedoch ergeben, dass seine Verletzung vielmehr darauf hindeutet, dass er beim Schneiden mit dem Messer abgerutscht ist, etwa beim Zerteilen der Leiche. Aber wieso soll Marek all das gemacht haben? Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft könnte Eifersucht das Motiv für Mareks vermeintliche Tat gewesen sein. Möglicherweise habe Marek mehr sein wollen als nur Kleos Cousin und Mitbewohner. Vielleicht hoffte er insgeheim nicht nur die Wohnung, sondern auch das Bett mit ihr zu teilen.
31:27
Etwa um Silvester herum, so schilderte es Marek gegenüber der Polizei, soll Cleo ihm von einer Schwangerschaft erzählt haben. Die Staatsanwaltschaft hätte es für möglich, dass Mareks Eifersucht dadurch einen dramatischen Höhepunkt erreicht habe, der ihn anschließend zur Tat veranlasst habe.
31:45
Doch bestätigen lässt sich dieses Motiv nicht. Zum einen war Cleo laut rechtsmedizinischer Untersuchung überhaupt nicht schwanger. Zum anderen gibt es niemanden aus dem gemeinsamen Umfeld von Marek und Cleo, der diese Annahme stützen könnte. Angehörige, Freundinnen und Bekannte hätten von einem intimen Verhältnis nichts gewusst und auch nie den Eindruck gehabt, dass sich Marek das gewünscht habe.
32:09
Die Theorie einer Eifersuchtstat ist daher ebenso schnell wieder vom Tisch, wie die Anklage sie aufgestellt hat. Ein anderes Motiv liegt dafür umso näher. Eines, das erst durch die Ergebnisse des rechtsmedizinischen Gutachtens greifbar wird und das Verbrechen an Cleo noch abscheulicher erscheinen lässt, als es ohnehin schon ist.
32:32
Im Schwurgerichtssaal herrscht eine betroffene Stille, als der zuständige Rechtsmediziner und die zuständige Rechtsmedizinerin ihre Obduktionsergebnisse vorstellen. Angesichts des Zustandes von Kleos Leiche bzw. ihrer Einzelteile sei die genaue Todesursache nicht feststellbar gewesen, erklären sie.
32:54
Zahlreiche punktförmige Hauteinblutungen, sogenannte Petechien, würden jedoch nahelegen, dass Cleo erwürgt oder erdrosselt wurde. Fest stehe in jedem Fall, dass die Zerstückelung ihres Leichnams erst nach ihrem Tod erfolgte.
33:09
Die 22-Jährige musste also nicht miterleben, was mit ihrem Körper geschah. Unter den fassungslosen Blicken der Anwesenden berichten die RechtsmedizinerInnen, dass ihr Torso fast komplett gehäutet worden sei. Ihr Schädel sei nahezu kahl gewesen, man habe ihr die Brüste abgetrennt und die langen Rückenstreckmuskeln entfernt. Ganz so, wie man es bei Tieren nach der Schlachtung macht.
33:36
Zudem schildern die Sachverständigen, dass im Zuge der Obduktion aufgefallen sei, dass nicht alle Leichenteile von Cleo vorlegen. Einige Körperteile und Organe würden bis heute fehlen. Dazu zählen Cleos Schlüsselbeine und Oberschenkel, aber auch ihre Brüste und Gebärmutter. Die RechtsmedizinerInnen haben da eine Vermutung, wo diese fehlenden Teile geblieben sein könnten.
34:02
Bei der Obduktion sei ihnen aufgefallen, dass viele der Leichenteile penetrant nach Rotwein gerochen hätten. Der Sachverständige gibt an, er habe an eine billige Sorte aus dem Supermarkt denken müssen, etwa an einen Lambrusco. Und dann seien da noch Ansammlungen von Reis an einigen Körperteilen gewesen.
34:24
Die beiden Sachverständigen stellen daher die furchtbare Vermutung in den Raum, dass Cleo nicht nur das Opfer eines Tötungsdeliktes mit anschließender Zerstückelung geworden sein könnte, sondern auch das von Kannibalismus.
34:38
Ja, Kannibalismus, das ist ja eines der größten gesellschaftlichen Tabus und gleichzeitig kein neues Phänomen. Wir haben hier auch schon einige Male drüber gesprochen. Rechtspsychologin Nathalie Oesterlein erklärt, dass die Forschung drei Formen von Kannibalismus unterscheidet. Der rituelle Kannibalismus wurde insbesondere früher von Urvölkern praktiziert und sollte einen spirituellen, symbolischen Zweck erfüllen. Menschen glaubten beispielsweise, dass sie durch das Essen anderer deren Eigenschaften übernehmen können, sagt die Expertin.
35:09
Es gibt nicht sehr viele Belege für rituellen Kannibalismus, aber...
35:16
Im Sinne eines Symbolischen, ich verleibe mir die Energie und die Kraft meines Gegners ein, den ich besiegt habe, da gibt es Literatur zu und auch zumindest Schriften, die das auf eine gewisse Art und Weise bestätigen.
35:30
Dann gibt es noch den sogenannten Überlebenskannibalismus, bei dem Menschen in extremen Notsituationen Teile Verstorbene essen. Ein bekanntes Beispiel ist Flug 571. Eine Chartermaschine mit einem uruguayischen Rugby-Team stürzte 1972 über den Anden ab. Ohne Nahrung und bei Temperaturen bis zu minus 33 Grad überlebten 16 der 25 InsassInnen 72 Tage lang. Und möglich war das unter anderem, weil sie Teile der Verstorbenen aus ihrer Gruppe gegessen hatten.
36:03
Jetzt muss man aber dazu natürlich sagen, dass die meisten Kannibalismusfälle, die heute bekannt werden, ganz anders gelagert sind. Meist geht es um die dritte Form von Kannibalismus, nämlich den pathologischen. Nathalie Oesterlein erklärt den so.
36:18
Wenn wir von pathologischem Kannibalismus sprechen, geht es ja immer darum, ist etwas Krankhaftes dabei? Also ist etwas, was in unserem Normverständnis von Gesundheit abweicht, dabei? Das bedeutet, wir sprechen da dann tatsächlich von schweren psychischen Störungen. Das kann durchaus sowas wie eine Psychose, ein Wahn sein oder auch eine massive Persönlichkeitsstörung, die im Hintergrund steht.
36:46
Häufig hat dieser pathologische Kannibalismus auch ein sexuelles Motiv oder zumindest eine sexuelle Komponente. Wir hatten hier auch mal über den Kannibalen von Pankow geredet, das war in Folge 135. Und da stellte das Gericht beispielsweise Nekrophilie fest, also ein krankhaftes sexuelles Interesse an Leichen.
37:05
Dass man die Leichen dann isst, kann in solchen Fällen Teil der sexuellen Befriedigung sein. Natalie Oesterlein hat uns erklärt, dass das häufig auch mit einem gewissen Machtbedürfnis einhergeht, also dem Wunsch nach Dominanz, der durch den Kannibalismus quasi auf die Spitze getrieben wird. Die sexuelle Motivation beim pathologischen Kannibalismus kann aber auch ganz anders gelagert sein. Es kommt nämlich auch vor, dass dahinter der Wunsch nach einem besonderen Näheverhältnis steckt und die Annahme, dass man quasi mit dem Opfer verschmilzt, indem man es sich einverleibt.
37:39
Und diese Fantasie nach so einer unauflöslichen Verbindung, die kennen wir auch schon, nämlich von Armin Meiwes, den Kannibalen von Rothenburg.
37:48
Ob das bei Marek auch so war, das lässt sich nicht sagen. Er selbst schweigt ja seit seiner Verhaftung und hat sich zum Kannibalismus-Thema nie geäußert. Es gibt aber etwas, das für den sexuellen Kannibalismus sprechen könnte. Die Leichenteile von Cleo, die laut Rechtsmedizin fehlen, sind ja unter anderem ihre Brüste, die Gebärmutter und die Oberschenkel.
38:12
Rechtspsychologin Nathalie Oesterlein sagt aber, dass man da nicht voreilig entsprechende Schlüsse ziehen dürfe.
38:19
Es hat sicherlich symbolischen Charakter. Gleichzeitig könnte man auch argumentieren, dass es einfach auf Weiblichkeit hindeutet. Denn alle Merkmale, die jetzt beschrieben wurden, Brüste, Gebärmutter, auch Oberschenkel, sind sehr stark mit Weiblichkeit per se konnotiert. Ich würde mich bei dieser Analyse nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, das direkt sexuell zu konnotieren.
38:44
Die Auswahl dieser Körperteile allein erlaubt jetzt also noch keinen Rückschluss auf das Motiv. Die kann auch unterschiedlich gedeutet werden. Ob der Kannibalismus in Mareks Fall mehr als eine Theorie ist, lässt sich also nicht sagen. Im Prozess wird jedoch deutlich, dass Marek schon als Jugendlicher immer wieder durch verstörendes Verhalten auffiel. Schon während seiner Schulzeit legt er immer wieder Verhaltensweisen an den Tag, die sein Umfeld schockieren. Als Teenager hat er große Freude am Quälen von Tieren.
39:16
Vor Gericht erinnern sich ZeugInnen daran, wie Marek damals selbst gebaute Sprengsätze in Frösche einführt, um sie wie Knallkörper explodieren zu lassen. Einmal setzt er auch ein Vogelnest in Brand, in dem sich Küken befinden.
39:31
Es sind Momente, in denen sich der sonst so gefühlskalte Teenager regelrecht euphorisch zeigt. Rechtspsychologe Nathalie Oesterlein findet das rückblickend alarmierend, weil es für dissoziales Verhalten spreche.
39:45
Dissoziales Verhalten bei Kindern und auch Jugendlichen ist immer ein Warnsignal. Ab einem bestimmten Alter lernen Kinder, die Perspektive des anderen zu übernehmen. Das Kind weiß, wenn es das andere Kind zwickt, dann tut es dem anderen Kind weh und das würde es bei sich selbst auch nicht wollen. Das soziale Verhalten im Kindesalter ist auf jeden Fall ein Ausdruck von dieser fehlenden Perspektivübernahme. Und wenn die fehlt, dann ist es sehr schwierig, überhaupt eine Empathiefähigkeit im Prozess weiterzuentwickeln.
40:23
Marek fasziniert es, nicht nur Leiden zu verursachen, er schaut es sich auch gerne an. Mit ca. 17 Jahren entwickelt Marek eine Passion für sogenannte Splatterfilme. Ausufernde Gewaltszenen mit jede Menge Blutvergießen ziehen ihn regelrecht in ihren Bann.
40:41
Regelmäßig sitzt er fasziniert vorm Fernseher. Besonders großen Gefallen findet er an einem Film, in dem Menschen geschlachtet und anschließend an Fleischerhaken aufgehängt werden. Und auch der Streifen, in dem einer Schwangeren in einer Szene ihr ungeborenes Kind aus dem Bauch geschnitten wird, läuft bei ihm in Dauerschleife. Je brutaler, desto besser.
41:04
Mehrere Freundinnen und Bekannte berichten im Laufe des Prozesses von gemeinsamen Filmabenden, die ihnen negativ in Erinnerung geblieben sind. Marek habe in Momenten, in denen sie sich angeekelt vom Fernseher abgewandt hätten, oft gelacht. Eine Zeugin erinnert sich zudem, wie er während einer besonders schlimmen Szene mal einen Teller Nudeln gegessen habe. Fast so, als wäre das, was auf dem Fernseher flimmert, die leichte Kost.
41:32
Und auch fernab des Fernsehens kreisen Mareks Gedanken immer wieder um Tod und Gewalt. Ein Freund berichtet im Prozess, dass der 23-Jährige in den Monaten vor der Tat auffällig oft darüber sprechen wollte, wie man eine Leiche am besten verschwinden lasse. Marek habe erklärt, Zerstückeln sei dafür wohl die beste Möglichkeit.
41:53
Auch, weil man dabei einen Blick ins Innere eines Menschen werfen könne. Einmal hätten sie darüber bei Marek zu Hause gesprochen. Als Cleo den Raum betreten habe, habe er das Thema sofort gewechselt. Doch was sagt all das über ihn aus? Sind solche Auffälligkeiten ein Hinweis auf eine psychische Erkrankung oder nicht? Genau diese Frage entwickelt sich im Laufe des Falls noch zu einem großen Konflikt.
42:21
Um sie im Prozess zu beantworten, hat das Gericht einen psychiatrischen Gutachter beauftragt. In der Kulisse des Koblenzer Landgerichts präsentiert er nun sein Gutachten, das bei einigen mehr Fragen aufwirft, als dass es Antworten liefert.
42:36
Kurzer Transparenzhinweis, wir haben nicht das ganze Gutachten, sondern nur die BGH-Entscheidung. Demnach führt der Psychiater an, dass Marek in seinem Gesamtverhalten hochgradig auffällig wirke. Er neige zu emotionalen Verflachungen und lege ein Einzelgängertum an den Tag.
42:54
Grundsätzlich würden alle diese Verhaltensweisen für eine Persönlichkeitsstörung sprechen. Welche ist im Gutachten offenbar erstmal nicht vermerkt. Der Gutachter sagt dann aber eh, dass für die Annahme einer Persönlichkeitsstörung sich diese Symptome bis in die Jugend zurückverfolgen lassen müssten. Dazu kurzer Einwand, nach heute geltenden ICD-11 müssen sich diese Auffälligkeiten nicht mehr zwingend bis in die Jugend zurückverfolgen lassen. Damals war das aber noch so. Der Gutachter sagt, er könne diese Symptome bei Marek offenbar nicht bis in die Jugend zurückverfolgen.
43:28
Das ist hier erklärungsbedürftig, denn wie wir wissen, auch durch die ZeugInnen, war Marek ja schon als Teenager auffällig im Verhalten und hatte ja auch Tiere gequält und war auch schon damals wegen seiner emotionslosen Art aufgefallen. Nach der Argumentation des Sachverständigen würde Mareks, ich mach's jetzt mal in Anführungszeichen, unauffällige Jugend ja gegen die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sprechen.
43:53
Dann sagt der Gutachter aber wiederum, dass Marek eine Störung habe, die in seiner Persönlichkeitsstörung verankert sei. Also damit setzt er jetzt doch plötzlich wieder das Vorliegen von einer Persönlichkeitsstörung voraus. Diese Störung trage laut Gutachter schizophrenietypische Züge, was so viel heißt, dass die Person Merkmale habe, die an Schizophrenie erinnern. Schizophrenie ist wiederum ja keine Persönlichkeitsstörung, sondern eine psychotische Erkrankung, bei der Betroffene beispielsweise zumindest zeitweise den Bezug zur Realität verlieren können.
44:26
Im weiteren Verlauf spricht er dann aber von einer Schizotypen-Persönlichkeitsstörung.
44:31
Zur Zeit des Prozesses fielen da Menschen drunter, die häufig emotional distanziert wirken und sich von anderen Menschen zurückziehen und die ungewöhnliche Denkweisen oder Überzeugungen haben, die an eine Schizophrenie erinnerten, ohne aber tatsächlich die Diagnose einer Schizophrenie zu erfüllen. Und als wäre das nicht alles verwirrend genug, sagt der Gutachter zunächst, dass eine schizophrene Psychose nicht vorliege. Marek sich also nicht in einem Zustand befinde, in dem er beispielsweise unter Wahn oder Halluzination leidet.
45:02
Später hält er dann aber fest, dass es sich bei der festgestellten schizophrenen Psychose um eine überdauerte Störung der Geistestätigkeit handele.
45:12
Also zusammengefasst, es ist von ganz vielen Erkrankungen, die Schizo im Namen haben, die Rede. Tatsächlich auch nochmal mehr, als ich jetzt hier aufgezählt habe. Und manchmal bejaht er die und dann wiederum verneint er die. Jedenfalls kommt er am Ende zu dem Schluss, dass aufgrund dieser psychischen Erkrankung davon auszugehen sei, dass Mareks Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert sei, möglicherweise auch ausgeschlossen ist. Bezüglich seiner Einsichtsfähigkeit sagt er, dass, Zitat, von deren vollem Erhalt bis hin zu deren völligen Verlust alles denkbar sei.
45:45
Eine Einschätzung, die noch Folgen haben wird. Wenn ihr jetzt verwirrt davon seid, dann geht es euch genau wie mir und wie Mareks Verteidigung damals. Abgesehen davon, dass die das Gutachten offensichtlich nicht nachvollziehen kann, ist sie sogar der Ansicht, dass Marek sowohl seelisch als auch geistig gesund sei. Deswegen stellt die Verteidigung einen Antrag, in dem sie die Hinzuziehung einer weiteren Sachverständigenperson fordert. Aber die Kammer lehnt den Antrag ab. Und so finden die Feststellungen aus dem fragwürdigen Gutachten schließlich Einzug in das Urteil, das das Gericht im Dezember 2003 verkündet.
46:22
Marek ist für Kleos Tod verantwortlich. Davon ist die Kammer überzeugt. Sie hat keinen Zweifel daran, dass er der 22-Jährigen vor fast zwei Jahren in der Nacht zum 10. Januar die Luft abschnürte und ihre Leiche zerstückelte. Möglicherweise habe Marek auch Teile davon verspeist, heißt es. Und doch lautet das Urteil Freispruch. Denn die Kammer übernimmt die Einschätzung des Sachverständigen, der die Steuerungsfähigkeit ja als mindestens erheblich vermindert beurteilt hat und legt diese verbleibenden Unsicherheiten, die es noch gab, zugunsten von Marek aus und erklärt ihn damit für komplett schuldunfähig.
47:01
Und aufgrund dieser Einschätzung hat sie gar keine andere Wahl, als Marek freizusprechen. Professor Thomas Rönnau ist Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Wirtschaftsrecht und Strafprozessrecht an der Bucerius Law School in Hamburg. Und er erklärt, warum es für eine Verurteilung im Sinne einer Freiheitsstrafe eben nicht ausreicht, dass die angeklagte Person die vorgeworfene Tat begangen hat.
47:24
Bestraft wird wegen des Unrechts und der Schuld, die man durch seine Tat zum Ausdruck gebracht hat. Wir haben da und kennen da im Strafrecht den Grundsatz nuller pöner wie eine Lege, also keine Strafe ohne Schuld. Das heißt, derjenige, der da als Täter in Betracht kommt, muss schuldhaft gehandelt haben. Und Schuld ist in den Worten des Bundesgerichtshofs Vorwerfbarkeit. Ich kann jemandem nur etwas vorwerfen, wenn er schuldfähig ist. Und nun ist es so, dass wir im Strafrecht gar nicht genau wissen, wann jemand positiv schuldhaft handelt.
47:57
Wir meinen nur zu wissen, wann er nicht schuldhaft handelt. Und da sind wir im Bereich von Trunkenheit oder psychischer Krankheit usw.,
48:07
Weil sich also nicht sicher ausschließen lässt, dass Marek die Tat aufgrund seiner psychischen Störung nicht vorwerfbar war, darf die Kammer ihn dafür auch nicht mit einer Freiheitsstrafe bestrafen. Das hört sich jetzt im ersten Moment krass an. Einen freien Mann macht dieser Freispruch aus Marek aber nicht. Weil die Kammer ihn für gefährlich hält und ihm durchaus weitere Straftaten zutraut, bedient sie sich einer Maßregel und ordnet die Einweisung des mittlerweile 24-Jährigen in ein psychiatrisches Krankenhaus an.
48:39
Ermittler Jürgen Jonen, der vor Gericht als Zeuge ausgesagt hat, ist von dem Urteil nicht überrascht. Schon während der Sicherstellung der Leichenteile in der Dachgeschosswohnung war Mareks abgeklärte Art ihm besonders aufgefallen.
48:52
Wie er einfach nur da stand und emotionslos guckte, wie die Überreste seiner Cousine in Leichensäcke verschwanden, hing dem Kriminalhauptkommissar noch lange nach. Insofern hat er einen Prozessausgang in diese Richtung ohnehin vermutet. Wie Kleos Angehörige, insbesondere ihre Mutter, das Urteil aufnehmen, das wissen wir nicht. Aber Fakt ist, es gibt kein Urteil, das ihn Kleo wieder zurückbringt. Nicht die härteste Strafe der Welt kann die 22-Jährige wieder lebendig machen.
49:21
Cleo hatte Pläne. Sie wollte ihr Leben nach ihrer Trennung und Monaten der Arbeitslosigkeit wieder auf die Kette kriegen. Der Besuch beim Arbeitsamt sollte der Beginn eines neuen, erfolgreichen Kapitels werden. Doch ausgerechnet ihr eigener Cousin sorgte auf abscheuliche Weise dafür, dass Cleo dieses Kapitel nie aufschlagen wird und sie nach all dem Regen, den es zuletzt in ihrem Leben gab, niemals wieder Sonne erleben wird. Doch mit dem Urteil ist die juristische Aufarbeitung noch nicht vorbei. Denn Kleos Angehörige finden sich schon bald in einem weiteren Albtraum wieder, den sie so nicht haben kommen sehen.
50:00
Wenig überraschend legt Mareks Verteidigung nach dem Freispruch im Dezember 2003 Revision ein. Marek gehöre ihrer Ansicht nach nicht in eine forensische Klinik. Ein durchaus nachvollziehbarer Schritt, denn anders als eine Freiheitsstrafe ist die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus zeitlich nicht begrenzt. Sie endet erst, wenn die betroffene Person nicht mehr als gefährlich gilt. Das hat den Hintergrund, dass der Maßregelvollzug im Gegensatz zur Freiheitsstrafe nicht dafür da ist, um zu bestrafen, sondern um die Allgemeinheit vor der Person zu schützen.
50:36
Wann oder ob dieser Zeitpunkt überhaupt erreicht wird, lässt sich zu Beginn einer Unterbringung aber nicht vorhersagen. Laut einer Umfrage des Weißen Ring, bei der im Jahr 2023 die Daten zum Maßregelvollzug aller 16 Bundesländer verglichen wurden, liegt die Dauer einer solchen Unterbringung im bundesweiten Schnitt zwischen sechs und zehn Jahren.
50:57
Grundsätzlich ist es aber auch möglich, dass jemand, der wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen wurde, länger im Maßregelvollzug sitzt als jemand, der zu lebenslang verurteilt wurde, in Haft. Zumal der Rechtsexperte Thomas Rönnau es durchaus für möglich hält, dass Marek eine forensische Klinik niemals wieder verlassen würde.
51:17
Die Aussichten auf Entlassung sind einigermaßen schlecht bei so einem Fall. Das hat damit zu tun, dass hier eine extreme Gewalttat gegen das Leben vorliegt. Das hat damit zu tun, dass hier die Unterbringung auf der Annahme einer schwerwiegenden psychischen Störung basiert. Ich meine, zwar muss so eine Unterbringung verhältnismäßig sein, aber damit hier Entlassung sozusagen stattfindet, werden ganz sicher Sachverständige angehört und die müssen eine deutlich positive Prognose abgeben.
51:47
Im November 2004, fast ein Jahr nach Prozessende, trifft der Bundesgerichtshof seine Entscheidung. Der Revision von Mareks Verteidigung wird stattgegeben. Die Karlsruher RichterInnen heben das Urteil auf und verweisen den Fall an eine andere Kammer des Landgerichts Koblenz zurück. Grund dafür, man kann sich das schon denken, ist das psychiatrische Gutachten, auf das sich der Freispruch und die Unterbringung im Maßregelvollzug stützen.
52:12
Der BGH kommt zu dem Schluss, dass das Gutachten sowohl inhaltliche als auch methodische Mängel aufweist. Die diagnostischen Schlussfolgerungen seien nicht nachvollziehbar begründet, zentrale Einschätzungen widersprechen sich und der Gutachter erkläre nicht verständlich, warum Marek gerade wegen seiner psychischen Erkrankung schuldunfähig gewesen sein soll. Es fehle außerdem eine schlüssige Darlegung, wie sich die Störung überhaupt auf das Tatgeschehen ausgewirkt habe.
52:41
Stattdessen wirke das Gutachten stellenweise spekulativ und erwecke den Eindruck, Marek werde allein wegen der Grausamkeit der Tat psychopathologisiert. Nach dem Motto, wer sowas tut, kann nicht gesund sein. Ja, und ich habe ja auch Auszüge davon gelesen. Und die Wortwahl ist auch total irritierend. Also er beschreibt Marek auch komplett wertend. Also er beschreibt da immer wieder süffisante Grinseinlagen von Marek. Marek habe eine Witzelsüchtigkeit und er hätte sich in läppisch distanzloser Art auf den Schreibtisch positioniert, sichtlich die Macht genießend und habe sich in der Verweigerung gesuhlt.
53:22
Also keine Ahnung, beim Lesen kam mir so der Eindruck, als ob der Gutachter da nicht nur fachlich bewertet, sondern auch irgendwie seine persönliche Abneigung hat mit einfließen lassen. Vor allem kritisiert der Bundesgerichtshof aber, dass das Landgericht diese ganzen Widersprüche, die sich im Gutachten finden, nicht selbst hinterfragt hat, sondern dem Gutachten nahezu ungeprüft gefolgt ist. Im Sommer 2005 heißt es am Landgericht Koblenz daher wieder alles auf Anfang. Rund zweieinhalb Jahre nach dem Tod von Cleo beginnt erneut der Prozess gegen Marek.
53:54
Unter dem Blitzlichtgewitter anwesender JournalistInnen wird der mittlerweile 26-Jährige, gekleidet in weißem Hemd und dunklem Sakko, von JustizbeamtInnen in den Raum geführt. Seine Hände stecken in Handschellen, außerdem trägt er Fußfesseln. Obwohl Marek am heutigen Tag wieder auf der Anklagebank Platz nimmt, wirkt er locker und gelöst. Er vermittelt einen zuversichtlichen, nahezu siegessicheren Eindruck. Und das aus gutem Grund. Denn es ist etwas passiert, das ihm einen enormen juristischen Vorteil verschaffen könnte.
54:29
Revision eingelegt hatte ausschließlich Mareks Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft akzeptierte das Urteil. Und genau das hat jetzt eventuell weitreichende Folgen. Denn dadurch greift im neuen Verfahren das sogenannte Verschlechterungsverbot, erklärt Strafrechtsprofessor Thomas Renau.
54:49
Das gilt für die Rechtsmittel, insbesondere für die Revision und bedeutet, dass das Urteil in Art und Höhe der Rechtsfolgen, ganz wichtig, nicht zum Nachteil des Angeklagten abgeändert werden darf, wenn nur er selbst, sein gesetzlicher Vertreter oder die Staatsanwaltschaft zu seinen Gunsten Rechtsbehilfe ergriffen haben.
55:11
Sinn und Zweck des Verschlechterungsverbots, sagt Thomas Reunau, besteht darin, dass Verurteilte nicht von der Revision zurückschrecken sollen, aus Angst in nächster Instanz dann härter bestraft zu werden. Ergibt ja auch Sinn. In dem Fall jetzt gleicht es aber einem juristischen Katastrophenszenario und macht einen Prozessausgang möglich. der für Kleos Hinterbliebene kaum auszuhalten wäre. Denn Marek könnte jetzt tatsächlich auf freien Fuß kommen. Und das trotz der grausamen Verbrechen an seiner Cousine.
55:42
Denn Marek wurde ja in erster Instanz nur freigesprochen, weil das Gericht ihn für schuldunfähig gehalten hat. Nicht, weil es in Abrede stellte, dass er es getan hat.
55:53
An dieser Schuldunfähigkeit gibt es ja nun aber Zweifel. Sollte die neue Kammer jetzt zu dem Entschluss kommen, dass er sehr wohl schuldfähig ist und demnach eigentlich ja zu einer Freiheitsstrafe verurteilt werden müsste und nicht mehr zu einer Maßregel, dann darf sie die nicht verhängen, weil das ja schlechter als ein Freispruch wäre. Das heißt, sie müsste ihn freisprechen. Denn wenn diese Kammer im Gegensatz zur vorherigen sagt, Marek ist schuldfähig, dann gäbe es ja keine Grundlage mehr für den Maßregelvollzug.
56:24
Denn der ist an eine erhebliche psychische Störung geknüpft. Die Schuldfähigkeit muss bei einer Maßregel aufgehoben oder zumindest erheblich vermindert sein.
56:34
Marek müsste dann also aus der forensischen Psychiatrie entlassen und freigelassen werden. Ein Mann, der seine Cousine getötet und ihren Leichnam auf grausame Weise verstümmelt hat, könnte ganz normal in seinen Alltag zurückkehren. Er könnte wieder einkaufen gehen, durch seinen Heimatort laufen und Menschen begegnen, die wissen, was er getan hat.
56:53
Und das nicht mal, weil Zweifel an seiner Täterschaft bestehen. Einmal kurz, wie konnte das jetzt dazu kommen? Hätte die Staatsanwaltschaft das Urteil angefochten, dann würde das Verschlechterungsverbot ja nicht greifen. Also könnte man jetzt fragen, haben die hier gepennt, ja? Denn die Verteidigung hat das Gutachten ja schon während des Prozesses angegriffen. Also es war relativ klar, dass die Revision einlegen werden. Und dann hätte die Staatsanwaltschaft das ja der Form halber auch machen können.
57:22
Aber wir wissen von Jürgen Jonen, dass die Staatsanwaltschaft auch auf schuldunfähig plädiert hat. Und wenn das Urteil jetzt genauso ausfällt, wie die Staatsanwaltschaft das gefordert hat, dann ist so ein bisschen die Frage, was die hätten anfechten sollen.
57:37
Es ist jedenfalls eine beängstigende Aussicht, die dem Revisionsprozess große Aufmerksamkeit beschert. Hinsichtlich der Beweisführung gleicht der Prozess in vielen Dingen der ersten Verhandlungen. Das, was mit größter Spannung erwartet wird, sind natürlich die psychiatrischen Gutachten.
57:54
Insgesamt drei Sachverständige hat die Kammer beauftragt, um die Frage nach seiner Schuldfähigkeit zu beantworten.
58:00
Unter ihnen ist auch der Gutachter aus dem ersten Prozess. Seine neun Feststellungen weichen jetzt aber zum Teil deutlich von seinem letzten Gutachten ab. Während er zuvor noch darauf verwiesen hatte, dass Mareks Schulzeit, Ausbildung und beruflicher Werdegang unauffällig gewesen seien, was ja gegen eine Persönlichkeitsstörung gesprochen hätte, bezeichnet er seine Charakterentwicklung nun plötzlich als schwerwiegend gestört. Und ähnlich formuliert es auch einer seiner Kollegen. Marek habe in der Vergangenheit aggressiv-sadistische Verhaltensweisen gezeigt, bei gleichzeitig auffallend emotionaler Gleichgültigkeit.
58:38
Seine Tatmotivation sei in diesem Fall als hochgradig abnorm zu werten. Entweder sei es Marek um Kannibalismus gegangen, also darum Cleo zu, Zitat, schlachten, um Teile von ihr zu verzehren, oder er habe schlichtweg narzisstische und sadistische Größenideen ausleben wollen. Auch Experimente an ihrem Körper zur Erfüllung seiner Fantasien seien denkbar.
59:02
In jedem Fall, da sind sich alle drei Sachverständige einig, leide Marek an einer Persönlichkeitsstörung, die Merkmale verschiedener Persönlichkeitsstörungen kombiniere. Sowohl schizoide, dissoziale, aggressiv-sadistische als auch narzisstische Züge seien erkennbar. Ein Gutachter formuliert einen besonders einprägsamen Satz. Marek sei ein gemütsarmer, zur empathische Anteilnahme unfähiger Psychopath. Und in jedem Fall, auch da sind sich die Sachverständigen einig, war seine Persönlichkeitsstörung für die Tat ursächlich und handlungsleitend.
59:36
Und in diesem Fall will man sagen, Gott sei Dank. Denn demnach sei Marek nicht geistig gesund, was für ihn ja eine Entlassung aus der Maßregel bedeutet hätte. Entsprechend erwartbar ist nach den mündlichen Gutachten das Urteil, das am 10. April 2006 nach 26 Verhandlungstagen schließlich verkündet wird.
59:56
Das Gericht sieht es als erwiesen, dass Mareks Verlangen, einen Menschen zu töten und zu schlachten, in der Nacht zum 10. Januar 2002 seinen Höhepunkt erreichte. Er habe Cleo erwürgt oder erdrosselt, ihren Leichnam anschließend in der Badewanne zerstückelt und Teile davon zum Verzehr im Ofen zubereitet. Wenngleich unklar geblieben sei, ob er sie wirklich gegessen habe.
60:18
Seine Tat sei als Mord zu werten, begangen aus niedrigen Beweggründen und um eine andere Straftat, also um die Störung der Totenruhe, zu ermöglichen.
60:27
Marek wird auch diesmal freigesprochen, ganz so, wie es das Verschlechterungsverbot gebietet. Aber weil die Kammer davon ausgeht, dass er wegen seiner psychischen Störungen zur Tatzeit erheblich vermindert schuldfähig war, wird Mareks Maßregelvollzug fortgesetzt. Mareks Verlangen zu töten sei in der Tatnacht so stark gewesen, dass er, bedingt durch seine Persönlichkeitsstörung, zu keinem inneren Widerstand in der Lage gewesen sei. Zudem habe er sich seit seiner Unterbringung in der forensischen Psychiatrie weder tateinsichtig noch therapiebereit gezeigt.
61:00
Er gelte daher weiterhin als gefährlich und als ein Mensch, vor dem die Gesellschaft geschützt werden müsse. Ein Schutz, den Cleo nicht erhielt.
61:10
Es ist ein Fall der Nachhalt. Zweimal stand Marek wegen der Verbrechen an seiner Cousine Cleo vor Gericht. Zweimal war man sich sicher, dass er sie getötet und zerstückelt hat. Und dennoch bestand kurzzeitig die Möglichkeit, dass er wieder ein Leben in Freiheit führt. Im Laufe der beiden Prozesse sind viele grausame Details ans Licht gekommen.
61:30
Ausgiebig wurde darüber gesprochen, wie Kleos toter Körper geschändet wurde und in welchem Zustand ihre Überreste waren. Und doch gibt es Fragen, die auch nach zwei Prozessen immer noch offen geblieben sind. Wie genau sahen Kleos letzte Minuten aus? Wurde sie nur aus dem Grund Mareks Opfer, weil sie als seine Mitbewohnerin ein leichtes Ziel war? Und was ist mit den Leichenteilen passiert, die bis heute verschwunden sind? Mit den fehlenden Teilen fehlt bis heute auch ein Teil der Wahrheit. Eine Wahrheit, auf die Cleos Familie vermutlich ihr Leben lang vergeblich warten wird.
62:04
Denn der Mensch, der sie ihnen liefern könnte, schweigt bis heute.
62:10
Ja, und dazu muss ich sagen, also wenn ich auch an Cleos Mutter denke, ich weiß gar nicht, wie man mit sowas weiterleben soll. Also das ist ja schon kaum zu begreifen, das eigene Kind zu verlieren und dann aber noch zu ahnen, warum sie sterben musste und was mit ihrem Körper geschehen ist danach. Also da muss man ja am Ende mit Bildern im Kopf leben, die man nie wieder los wird, auch wenn man das Ausmaß selber gar nicht gesehen hat. Und dass einem das dann auch noch von einem Menschen aus der Familie angetan wurde, der Cleo ja auch nahe stand, der mit ihr aufgewachsen ist und dem sie offenbar auch vertraut hat.
62:46
Das ist ja ein unfassbarer Vertrauensbruch, wenn sowas passiert, was ja auch niemand hat kommen sehen. Und dass er dann nach dem, was er getan hat, der Familie noch immer nicht die Antworten gibt, die sie vielleicht ja auch brauchen, um das in irgendeiner Weise aufzuarbeiten. Das kommt ja nochmal obendrauf. Also Man hat so ein bisschen das Gefühl, dass solange die Teile ihres Leichnams verschwunden bleiben und diese Fragen unbeantwortet bleiben, dass die Geschichte auch nicht so richtig zu Ende erzählt wurde. Ich bin halt froh, dass die am Ende zumindest juristisch gut ausgegangen ist.
63:17
Denn das hätte man ja wirklich niemandem vermitteln können, dass der jetzt wegen irgendeiner Regelung in der Strafprozessordnung draußen frei rumläuft. Diese Gefahr, dass sowas passieren kann, das hat man dann tatsächlich auch erkannt.
63:29
Und 2007 wurde das Gesetz dann auch dahingehend geändert. Mittlerweile ist es dem Revisionsgericht also auch möglich, den Freispruch aufzuheben, wenn der nur wegen der Schuldunfähigkeit erfolgt ist. Das heißt, das neue Gericht müsste dann auch das neu verhandeln und kann dann auch eine Strafe verhängen, wenn nachträglich dann doch die Schuldfähigkeit rausgestellt wurde. Also das Verschlechterungsverbot, das wurde dann insoweit eingeschränkt. Unser Rechtsexperte Benedikt Müller sagt, das ergibt auch deswegen Sinn, weil die Staatsanwaltschaft ja sonst eigentlich dazu gezwungen wäre, immer einfach aus Sicherheit Revision einzulegen.
63:58
So, das war es für diese Woche. Nächste Woche geht es bei uns um einen Leichenfund, der viele Fragen aufwirft, vor allem danach, wer die tote Person ist. Und da zeichnen wir die Ermittlungen nach und eine streckenweise wirklich verzweifelte Suche nach der Antwort, die bis über die Landesgrenzen hinausgegangen ist und schließlich zu einem absolut bizarren Fall geführt hat. Dann wieder mit Laura. Bis dahin. Vielen Dank fürs Zuhören.
64:27
Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Hosts Paulina Graser und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung John Hanschin und wir. Redaktion Jennifer Fahrenholz und wir. Schnitt Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung Abel und Kollegen.